bolayaktuell.

Der Gesamtelternbeirat hat einige Fragen zur Kinderbetreuung in Ostfildern gestellt. Hier können Sie meine Antworten darauf lesen.

GEB: Sie stellen sich am 7. Februar als Oberbürgermeister zur Wahl und möchten für eine weitere Legislaturperiode die Geschicke der Stadt leiten.

Die Stadt steht vor großen Herausforderungen: Die Einnahmen sind pandemiebedingt zurückgegangen. Damit stehen auch weniger Gelder für den Haushalt, den Strukturwandel, die Beseitigung des Wohnungsmangels, die Verhinderung der Gentrifizierung und der Förderung des Klimaschutz zur Verfügung.

In Ostfildern wohnen viele junge Familien. Wir als Gesamtelternbeirat KiTa Ostfildern möchten Ihnen deshalb ein paar Fragen stellen:

Mit welchen Konzepten wollen Sie die jungen Familien überzeugen, dass Sie der richtige Mann in Amt und Verwaltung sind, damit sich Familien in der Stadt wohl fühlen und gut leben und arbeiten können?

Welchen Stellenwert hat die Kindertagesbetreuung in Ihren Planungen und wie wollen Sie die Kindertagesbetreuung in Ostfildern weiterentwickeln?

Bolay: Vielen Dank für Ihre Fragen, auf die ich gleich gerne antworten werde. Erlauben Sie mir bitte einige Vorbemerkungen:

Es ist mir klar – und natürlich auch legitim – dass der GEB den Blick vor allem auf offene Fragen und Probleme lenkt. Trotzdem ist es mir ein wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass rund 2.500 Kinder gut und professionell in Ostfildern betreut werden. Neue Kitas sind zuletzt in der Waldstraße oder in der Mutzenreisstraße entstanden. Die Tageseltern werden deutlich mehr gefördert als früher. Diese Beispiele – von denen es noch deutlich mehr gäbe – sind auch erwähnenswerte Elemente einer funktionierenden Kinderbetreuung.

Ein zweiter Gedanke vorab: Nicht alle Plätze, die vorhanden sind, können belegt werden. Und das nicht immer nur aus Personalmangel. Sondern auch, weil z.B. Kinder mit Inklusionsbedarf doppelt gezählt werden. Oder Gruppen wegen ihrer sozialen Vielfalt nicht ganz belegt werden können. Inhaltlich finde ich das genau richtig – daher gehört das für mich auch zur Gesamtbetrachtung dazu.

Und schließlich: Manchmal hilft es zu schauen, wie es in anderen Städten läuft. Was dort gut ist. Aber genauso, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Wer das tut, wird feststellen, dass die mit denen in Ostfildern sehr ähnlich sind. Stuttgart fehlen 3.000 Betreuungsplätze. Die Bertelsmann-Stiftung spricht davon, dass jede zweite Kita in Baden-Württemberg Personalmangel hat. Der Städtetag hat einmal erklärt, dass dort, wo Wirtschaftswachstum ist, auch Betreuungsengpässe zu finden sind. Die Liste soll nicht zu lang werden. Und auch nicht von unseren Fragen ablenken. Aber helfen, sie in einen Zusammenhang einzusortieren.

GEB: Wie in der Gemeinderatsvorlage 133 vom 09.09.2020 festgestellt, verfügt die Stadt Ostfildern über 325 Betreuungsplätze für Kinder unter 3 Jahren (U3-Bereich). Die Betreuungsquote beträgt damit rund 40 %.

Der Bedarf ist jedoch sehr viel höher. Die Stadt Ostfildern kann derzeit den Rechtsanspruch, den Kinder ab dem 1. Lebensjahr auf einen Betreuungsplatz haben, nicht erfüllen. Eltern von rund 200 U3-Kindern konnten im Kitajahr 2021/2022 keinen Platz zum beantragten Zeitpunkt bekommen und können nicht wie geplant ihrer Berufstätigkeit nachgehen. Für die Zukunft wird mit einem weiter steigenden Bedarf und stärkeren Jahrgängen gerechnet.

FRAGE 1: Welche Perspektive können Sie den Familien in Ostfildern bieten? Welche Maßnahmen wollen Sie als Oberbürgermeister ergreifen, um hier kurz-, mittel- und langfristig Abhilfe zu schaffen und dem Betreuungsbedarf gerecht zu werden?

Bolay: Die Planung für die Betreuung unter Dreijähriger ging zu Beginn davon aus, dass bis zu einem Drittel der Eltern dieses Angebot auch wahrnehmen werden. So waren die offiziellen Angaben, die das Land gemacht hat. Wir waren zu dem Zeitpunkt bereits skeptisch, ob das für das dann doch städtisch geprägte Ostfildern wirklich zutrifft. Daher haben wir bei allen neuen Projekten immer darauf gedrungen, dass auch mindestens eine U3-Gruppe mitgedacht und -geplant wird. Auf diesem Weg werden wir sicher weitergehen.

Die Tagespflege hat in dieser Altersgruppe eine wichtige Rolle. Daher freut es mich, dass eine sogenannte „Großpflegestelle“ im Herbst 2020 eingerichtet werden konnte. Dieser Bereich bietet weitere Chancen. Denn für Großpflegestellen gibt es einige Interessentinnen. Dafür sind geeignete Räume das A und O. Hier hilft uns übrigens auch jeder Hinweis aus der Elternschaft, da es von den räumlichen Bedingungen her wie ein Privathaushalt zu sehen ist. Wer also von leerstehenden Immobilien oder Wohnungen weiß, ist herzlich willkommen.

Ostfildern hat in den letzten Jahren viel Zuzug erlebt. Der Betreuungsbedarf, der sich daraus ergibt, lässt sich in Teilen natürlich mit entsprechenden Parametern prognostizieren. Aber öfter mal hält sich die Wirklichkeit nicht an die Prognosen. Genauso wie bei der Geburtenrate. Daher haben wir immer eine gewisse Unschärfe in den Annahmen. Durch eine jährliche Nachberechnung und Anpassung wollen wir hier genauer werden.

GEB: Für Kinder im Kindergartenalter (Ü3-Bereich) stehen in der Stadt rund 1.350 Plätze zur Verfügung

Das reicht jedoch leider nicht: In jedem Stadtteil muss eine zweistellige Anzahl Ü3-Kinder und damit auch ihre Eltern zuhause bleiben, da sie keinen Platz zum benötigten Zeitpunkt bekommen können. Darüber hinaus wird nur ca. ein Drittel der Plätze als Ganztagesbetreuung angeboten, was der Nachfrage bei weitem nicht entspricht und wiederum berufliche Einschränkungen für die Eltern mit sich bringt. Wie die Biregio-Studie bestätigt, ist im Ü3-Bereich langfristig mit 30% stärkeren Jahrgängen zu rechnen (100 Kinder mehr) mit einer besonders gesteigerten Nachfrage nach Ganztagesbetreuung.

FRAGE 2: Wie stehen Sie dazu? Wie wollen Sie als Oberbürgermeister dafür sorgen, dass Ostfildern den Bedarf an Kinderbetreuung im Ü3-Bereich erfüllen kann?

Bolay: Neue Projekte werden wir sicher in Nellingen (als Ersatz für die Interimskita am Sportplatz) und in Scharnhausen in Ob der Halde brauchen. Aber neben den städtischen Einrichtungen wird es auch von anderen Trägern Aktivitäten geben. Seien es die Ideen der katholischen Kirche in Nellingen. Oder eine mögliche Erweiterung der Betriebskita in Kemnat. Und nicht zuletzt die Suche nach einem weiteren Standort für eine gewerbliche Einrichtung aus Ruit. All das ist zum Teil noch nicht sichtbar, weil noch letzte Absprachen fehlen bzw. politische Entscheidungen dazu – aber wir arbeiten mit Hochdruck an dieser Aufgabe.

Wie Sie wissen, wird derzeit intensiv über den Waldorf-Kindergarten gesprochen. Ich lege dem Gemeinderat in diesen Tagen eine Vorlage mit einem positiven Grundsatzbeschluss für Erweiterung und Neubau als Empfehlung vor. Darüber soll noch vor der Wahl abgestimmt werden.

Jedes einzelne Projekt hat aber immer einen bestimmten organisatorischen und baulichen Vorlauf. Von jetzt auf gleich wird es leider nicht gehen. Das kann Ihnen kein seriöser Kandidat versprechen – zumal wir da auch immer von Millionen-Investitionen reden, die wir als Stadt zu leisten haben.

Nicht immer passt unser Angebot exakt zu den (Ganztags-) Erwartungen der Eltern, die dann lieber auf einen Betreuungsplatz verzichten bzw. warten. Zudem sind wir abhängig von Genehmigungen des Landes. Da treibt die Bürokratie manchmal skurrile Blüten. Und eines gilt auch hier: ohne weiteres Personal sind keine zusätzlichen Plätze möglich. Bauen ist das eine. Betreiben das andere.

GEB: Personalmangel bei Erziehern ist mit eine der Hauptursachen für das fehlende Betreuungsangebot. In vielen Einrichtungen zeigt sich dies in einer dauerhaften Reduzierung der Öffnungszeiten, was viele Eltern vor große organisatorische Herausforderungen stellt.

FRAGE 3: Welche neuen Wege wollen Sie als Oberbürgermeister gehen, damit Ostfildern mehr Erzieher für die Kindertagesbetreuung gewinnt und auch halten kann? Was wollen Sie als OB ändern, damit die Stadt ein attraktiverer Arbeitgeber für Erzieher wird?

Bolay: Wir sind als städtischer Arbeitgeber an den Tarif gebunden. Das ist auch gut so, denn sonst würden sich die Städte gegenseitig schamlos Personal abwerben. Zur Personalgewinnung werden wir künftig sicher mehr als bisher unsere Vorzüge als Arbeitgeber herausstellen (müssen). Freistellung bei Leitungsfunktionen, Vorbereitungszeit, die auch außerhalb der Einrichtung gemacht werden kann, ein deutlich höherer Anteil von PiA-Ausbildung als früher, flexible Arbeitszeiten, neu gestaltete Werbeanzeigen, das Angebot eines Zimmers in einer WG als Übergang wer hierherzieht und nicht zuletzt das sehr gute Arbeitsklima zwischen den Kollegen.

Trotzdem sind wir natürlich auf diesem Arbeitsmarkt nicht alleine. Der Gemeindetag schätzt zudem, dass in den nächsten Jahren allein Baden-Württemberg 40.000 Fachkräfte für die Kinderbetreuung fehlen.

Für städtische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aus der Familienphase zurückkommen, bieten wir Belegplätze an. Dadurch sind sie zum einen früher wieder im Arbeitseinsatz und zum anderen binden wir sie natürlich auch besser an den Arbeitgeber Stadt. Auch im Kriterien-Katalog für die Schulkindbetreuung ist dies bereits enthalten.

Quereinsteiger aus anderen Bereichen nehmen wir gerne auf. Wir pflegen schon jetzt eine große Vielfalt im „erweiterten Fachkräftekatalog“. Das wollen wir weiter nutzen, weil uns diese Personen und Persönlichkeiten bei unserem Qualitätsanspruch positiv unterstützen.
Helfen würde uns aber auch, wenn es bei bestimmten Betreuungsformen ein landespolitisches Umdenken gibt und wenigstens in kleinen Teilen auch angelernte Kräfte (statt der geforderten Fachkräfte) genommen werden können. Oder der Personalschlüssel, der nirgendwo in Deutschland so hoch ist wie in Baden-Württemberg, wenigstens zeitweilig angepasst werden würde.

GEB: Ab 2025 wird es einen Rechtsanspruch auf Schulkindbetreuung geben.

Aktuell wird knapp die Hälfte aller Kinder in Ostfildern zwischen 6 und 10 Jahren vor oder nach der Schule betreut. Schon heute fehlt es in der Schulkindbetreuung in verschiedenen Ortsteilen an geeigneten Räumlichkeiten bzw. wurden Um- und Ausbauten noch nicht umgesetzt. Ebenso fehlen qualifizierte Mitarbeiter.

FRAGE 4: Welche Konzepte favorisieren Sie, um eine zuverlässige Schulkindbetreuung in Ostfildern zu gewährleisten? Ganztagesschule oder bedarfsorientierte Hort-/Kernzeit­betreuung? Welche Schritte wollen Sie als Oberbürgermeister einleiten, um die Schulkindbetreuung in Ostfildern auszubauen?

Bolay: Der Bereich der Schulkindbetreuung ist in den letzten Jahren exponentiell gestiegen. Ostfildern hat da den höchsten Anteil im ganzen Landkreis. Das liegt auch daran, dass wir noch Luft nach oben bei den Ganztagesschulen haben.

Im Zusammenhang mit dem Neubau der Grundschule Ruit wurde dort intensiv über die Angebote der Betreuung diskutiert. Das ist ja eine ausgewiesene Ganztagesschule. Und trotzdem bieten wir weiterhin die ganze Palette der zusätzlichen Betreuung an. Da müssen wir in den nächsten Jahren die politische Frage stellen und entscheiden, wie lange die Stadt das leisten kann. Denn Doppelstrukturen kosten eben auch doppelt.
Daneben werden wir auch zu diskutieren haben, welche weiteren Grundschulen sich auf den Weg machen, um eine Ganztagesschule zu werden. Das geht natürlich nur gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern und den Eltern.

GEB: Die Belastungen für Familien und Kinder durch die Corona-Pandemie ist enorm. Familien- und Arbeitsleben unter einen Hut zu bekommen zehrt an den Kräften und überfordert auch viele. Die sich schnell ändernden Regeln erfordern dauernde Flexibilität. Kinder sind hier die Leidtragenden, da ihre Struktur wegbricht, und man ihnen nur schwer gerecht werden kann.

FRAGE 5: Wo sehen Sie Möglichkeiten auch von Seiten der Stadt, Familien schnell und unkompliziert zu unterstützen und Perspektiven zu geben?

Bolay: Die Notbetreuung wurde sehr schnell organisiert. Dafür erst einmal ein großer Dank an alle Verantwortlichen in der Verwaltung, aber vor allem in den Einrichtungen selbst. Denn die Unsicherheit, die Sorgen und Zweifel haben nicht nur Eltern, sondern auch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt genauso. Die Pandemie fordert uns allen mehr ab, als wir uns vorstellen konnten oder wollten.

Unser Ziel ist so viel Normalität wie möglich für die Kinder anzubieten. Das gilt für die Zahl der Kinder, die Öffnungszeiten und die pädagogischen Angebote. Aber natürlich begrenzen uns die bestehenden Regelungen und die Vorgaben des Gesundheitsschutzes. Alles, was mit guten Hygienekonzepten an Bildung und Betreuung trotz Pandemie für die Kinder geht, ist in meinen Augen positiv.

Nach einem Rechtsstreit von Eltern gegen die Stadt mussten wir die Regeln ändern. Davor waren wir sehr flexibel, was Veränderungen der wirtschaftlichen Situation von Familien angeht. Jetzt ist das strikter geregelt und am Kalenderjahr orientiert. Aber wir werden in Härtefällen immer einen Weg finden, wie auf eine besondere Situation von Familien reagiert werden kann.

GEB: Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung vorangetrieben. Home-Office und digitaler Austausch sind für viele heute Normalität geworden.

Wir beobachten als GEB leider, dass die Kitas nicht davon profitieren. Ein digitaler Austausch für Elterngespräche oder als Kontakt der Erzieher zu Kindern, die nicht in die Kita dürfen, wäre z.B. denkbar und würde helfen, ebenso wie der Einsatz von Apps zur leichteren Elternkommunikation.

FRAGE 6: Wie stehen Sie als Oberbürgermeister zur Digitalisierung der Kitas? Wollen Sie diese zeitnah umsetzen und wenn ja, wie?

Bolay: Die Pandemie hat auf allen Ebenen neue Formate hervorgebracht. Auf manche hätten wir vielleicht gerne verzichtet, aber manche werden sich auch in der Zukunft halten.

Die Digitalisierung macht selbstverständlich vor den Kitas nicht Halt. Die städtischen Kitas erhalten eine Vollversion von MS-Teams und können damit eigenständig zu Teamsitzungen, aber auch Elterngesprächen oder ganzen Elternabenden einladen.

Es gibt daneben entsprechende Apps, die das „schwarze Brett“ ersetzen können. Ich will das gerne in Ostfildern testen. Wichtig ist dabei eine leichte Bedienung und natürlich eine hohe Akzeptanz auf allen Seiten: bei den Verantwortlichen in der Leitungsebene. Aber auch bei den Eltern. Und eines darf man nicht vergessen. Nicht jede und jeder hat immer ein Smartphone mit mobiler Daten-Flat zur Hand. Zur sozialen Stadt Ostfildern gehört für mich auch, dass alle – ob sie sprachliche Barrieren oder technische Hürden zu bewältigen haben – mit in der Kommunikation bleiben.

Christof Bolay
Panoramastr. 51/1
73760 Ostfildern
christof.bolay@web.de

Social-Media: